Einstellungsbasierte Anforderungsanalyse – lieber nicht

Einstellungsbasierte AnforderungsanalyseWie die Einstellung Ihrer Kunden während der Anforderungsanalyse mit ihrem Verhalten bei der Produktnutzung zusammenhängt.

Bereits 1934 stellte LaPiere eine bis heute gängige Annahme in Frage: Das Wissen um die Einstellung eines Menschen würde eine klare Vorhersage seines Verhaltens ermöglichen. Laut seiner Untersuchung ist dem nicht so.

In seinem Artikel berichtete LaPiere zum einen von seiner allgemeinen Umfrage unter Hotels und Restaurants. Er ging der Frage nach, ob sie „Angehörige der chinesischen Rasse“ als Gäste akzeptieren würden. Den zu wenig differenzierenden Fragebogen beantworteten 92% der Teilnehmer mit „nein“. Das Ergebnis passte zu den damals verbreiteten Vorurteilen gegenüber Asiaten. Zum anderen legte er die Ergebnisse seiner Reise mit chinesischen Begleitern dar. Von 251 Häusern lehnte sie glücklicherweise nur eins ab.

Die Einstellungen Ihrer User bei der Anforderungsanalyse garantieren keine Nutzung Tweet: Die Einstellungen Ihrer User bei der Anforderungsanalyse garantieren keine Nutzung #UsabilityEngineering

Das Verhalten von Menschen auf Basis ihrer Einstellungen vorherzusagen, galt Jahrzehnte lang allgemein als unmöglich. Demzufolge können Sie während der Anforderungsanalyse

  • Ihre Kunden nicht einfach nach den gewünschten Produktanforderungen fragen.
  • nicht erwarten, dass eine positive Einstellung Ihrer Kunden zu einer Funktion auch deren Nutzung bedeutet.

Erst Anfang der siebziger Jahre deutete sich an, dass die Vorhersage des Verhaltens möglich, aber nicht einfach ist. Die allgemeinen Voraussetzungen hierfür sind das Korrespondenz- und das Aggregationsprinzip. Beide Prinzipien stelle ich Ihnen im Folgenden vor.

Das Korrespondenzprinzip für die Anforderungsanalyse

Nach dem Korrespondenzprinzip besteht nur dann ein enger Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten, wenn beide Maße im Grad ihrer Spezifikation übereinstimmen. Unter Spezifikationsgrad ist die Abstraktionsebene mit gleichgestellten Inhalten zu verstehen.

Bezogen auf die Untersuchung von LaPiere heißt das, er hätte die tatsächliche Situation beschreiben müssen. Aussagekräftige Ergebnisse hätte er wie folgt erzielen können: „Ich bin Amerikaner und reise derzeit mit zwei Angehörigen der chinesischen Rasse. Gern möchten wir Ihre Gäste sein und 3 Zimmer reservieren. Ist das möglich?“

Übertragen wir das auf die Analyse von Produktanforderungen. Angenommen Sie interessiert die zukünftige Nutzung einer neuartigen Shuffle-Funktion. Fragen Sie in diesem Fall nicht nach der Einstellung zu Multimediaplayern, sondern lieber konkret nach der Zufallswiedergabe.

Das Aggregationsprinzip in der Anforderungsanalyse

Allgemeine Verhaltensweisen sind nach dem Aggregationsprinzip besser durch globale Einstellungen vorherzusagen. Damit ist gemeint, die Einstellung konkret für verschiedene Situationen und Zeitpunkte abzufragen.

Lassen Sie mich das am Beispiel des Multimediaplayers veranschaulichen. Die Nutzung der Shuffle-Funktion wird wahrscheinlicher, wenn sie die dazugehörige Einstellung für verschiedene Gelegenheiten erheben und durchgehend ein positives Ergebnis erhalten. Dies kann im Auto auf dem Weg zu Arbeit, im Zug auf den Weg in den Urlaub oder zu Hause im Hobbyraum sein. Achten Sie darauf in Ihrer Anforderungsanalyse.

Zusammenfassung für Ihr User Research

Nach langer Forschung ist nun bekannt, wie die menschlichen Einstellungen für die Entwicklung von gefragten Funktionen nutzbar sind. Demnach ist der Zusammenhang zwischen Anforderung (Einstellung) und Nutzung (Verhalten) hoch, wenn der Grad ihrer Spezifikation und der Aggregation übereinstimmen.

Abschließend möchte ich noch einmal den aktuellen Forschungsstand betonen: Allein ein hoher Zusammenhang zwischen Anforderung und angedachter Nutzung ist kein Garant für eine zuverlässige Vorhersage des Produkterfolges. Dafür gibt es bessere Methoden.

 

 

Quelle: Gerd Bohner. Einstellungen. In W. Stoebe, K. Jonas und M. Hewstone (2001). Sozialpsychologie – Eine Einführung. 4. Auflage. Springer Verlag.

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