Die Mutter aller Usability-Checklisten

Welche Erkenntnisse der Psychologie berücksichtigen nachhaltige User Experience und Usability-Checklisten?

Mutter aller Usability Checklisten

In einem früheren Artikel haben wir bereits darauf hingewiesen, dass Usability-Checklisten nicht allgemeingültig sein können. Der Grund hierfür ist, dass die erlebte Gebrauchstauglichkeit (engl. Usability) ein Maß dafür ist, wie gut eine Software in einem bestimmten Nutzungskontext zur Informationsverarbeitung ihrer User passt. Da es eine große Menge an Nutzungskontexten und Software gibt, wäre eine allgemeingültige Usability-Checkliste sehr umfangreich und unübersichtlich.

Was jedoch bei allen Usern gleich funktioniert, ist die menschliche Informationsverarbeitung. Die psychologischen Erkenntnisse hierzu habe ich für Sie in Form einer Checkliste zusammengestellt. Aus ihr können Sie sich Ihre Usability-Checkliste ableiten.

  • Jeder Bullet-Point gibt Ihnen passend zur psychologischen Erkenntnis ein ausgewähltes Beispiel, was hierzu in Ihrer Usability Checkliste stehen könnte.

Die Psychologie der Usability-Checklisten

Situation

1. Reaktionszeiten: Menschen erwarten von Interaktionspartner innerhalb von 192 ms eine Reaktion auf ihren Input.

  • Nach dem Klick gibt das System dem User innerhalb von 192 ms ein Zeichen, dass es die Arbeit aufgenommen hat.

Wahrnehmung

1. Reizschwellen: Informationen, die Menschen nicht vom Context unterscheiden können, nehmen sie inhaltlich nicht oder nur mit viel Mühe wahr.

  • Die Inhalte auf der Seite sind lesbar.

2. Gestaltgesetze: Wohin Menschen ihre Sinne auch richten, suchen sie nach Mustern, die sie kennen. In der Psychologie werden sie als Gestaltgesetze bezeichnet. Gebrauchstaugliche Seiten berücksichtigen diese wahrnehmungsfreundlichen Muster für das Auge.

  • Große Elemente sind wichtiger als kleine [1].

3. Priorisierung: Jeder menschliche Sinn, so auch das Auge, nimmt eine unglaubliche Menge an Informationen auf. Unglaublich wenig davon können sie nur an das Arbeitsgedächtnis weitergeben. Lassen Sie alles weg, was der User nicht erwartet oder vermitteln Sie nur die Botschaft, die Sie platzieren wollen.

  • Das Wichtigste, das Ergebnis zuerst [1].

Aufmerksamkeit

1. Erster Eindruck: Innerhalb von 2 Sekunden nach dem Öffnen der Seite muss der User ein gutes Gefühl haben. Hierzu tragen Übersichtlichkeit, Bilder, Farben und Formen, kurz die Ästhetik bei.

  • Vermeiden Sie Farbkombinationen, die nebeneinanderstehend ein störendes Flimmern erzeugen und Verständnis und Benutzbarkeit erschweren.

2. Eye-Catcher: Zur Orientierung gibt die Seite dem User nach dem Öffnen relevante Informationen, die nicht zu übersehen sind. Er versteht innerhalb von 5 Sekunden den Zweck der Seite. Hierbei ist ein Begriff hilfreich, den der User erwartet oder eine einfach nachvollziehbare Erklärung.

  • Animationen erregen Aufmerksamkeit, sind aber spärlich und mit Bedacht zu gebrauchen [1].

3. Multitasking: Menschen können ihre Aufmerksamkeit teilen. Tun sie das, dauert ihre Informationsverarbeitung länger und ist fehleranfälliger. Lenken Sie die Aufmerksamkeit Ihrer User auf das Wesentliche.
Heben Sie die „Call to Action“ heraus.

  • Lassen Sie zweitrangige Informationen weg oder in den Hintergrund rücken.

Arbeitsgedächtnis

1. Mental Workload: Unser Arbeitsgedächtnis ist mit nur 7±2 Informationen am Rande seiner Belastbarkeit. So viel nehmen Menschen jedoch nur auf, wenn sie sich die Informationen aktiv merken wollen. Ohne diese Motivation merken sie sich nur eine Informationen.

  • Passwörter, die in das System zu übertragen sind, bestehen aus mehreren Blöcken und dürfen nicht länger als fünf Zeichen pro Block sein.

2. Modalitätseffekte: Menschen verarbeiten Begriffe und Bilder unabhängig von einander im Arbeitsgedächtnis. Verteilen Sie die Informationsbelastung des Arbeitsgedächtnisses, indem Sie ausgewählte Begriffe im User Interface durch Bilder ersetzen.

  • Für eine ruhige Umgebung, die stark die Augen der User beansprucht: Kritische Zustände meldet das System dem User akustisch.

3. Überlagerungseffekte: Zusätzliche oder zu lange Informationen fördern die Primacy- und Recency-Effekte. Die User vergessen, was sie sich eben noch merkten. Geben Sie Ihren Usern Zeit die gemerkten Informationen abzuarbeiten bevor ihr Arbeitsgedächtnis wieder beansprucht wird.

  • Achten Sie auf kurze Sätze.

Langzeitgedächtnis

1. Semantische Gruppierung: Menschen denken u.a. in Kategorien. Haben User einen Begriff im Kopf, suchen sie im User Interface nach der Kategorie, in der sie ihn erwarten. Die Card Sorting Methode hilft Ihnen bei der Zuordnung der Begriffe in die zugehörigen Kategorien.

  • Funktionsnamen oder -bezeichnungen sind erwartungskonform in die Kategorien einsortiert.

2. Mentales Modell: Menschen, die Ziele verfolgen, haben eine Vorstellung, wie sie diese erreichen. Diese Vorstellung vom Lösungsweg wird als Mentales Modell bezeichnet. Auf seiner Basis pflegen oder korrigieren Menschen ihre Erwartungen auch im Umgang mit Software.

  • Elemente, die ähnliche Funktionen haben, sollten auch ähnlich aussehen [1].

3. Metaphern: Menschen nähern sich neuen Themen wie einer Software am schnellsten über Analogien zu dem an, was sie bereits kennen. Die Kunst besteht darin, die Metapher für ein Interface Design zu finden, welche die meisten User kennen.

  • Ampelmetapher zur Bewertung von Zuständen

Gefühle

1. Emotion: Affekte, also kurze und intensive emotionale Reaktionen von Menschen, können bis zum Verlust der Handlungskontrolle führen. Sie sind klar auf Auslöser rückführbar.

  • Der User freut sich über bestimmte Inhalte.

2. Stimmung: Zeitlich länger anhaltende Gefühle sind situationsbezogenen Schwankungen unterworfen. Sie sind nicht auf einen Auslöser rückführbar. Menschen streben allgemein danach, sich besser zu fühlen und richten ihr Handeln danach aus.

  • Die Software trägt beim User zu einer positiven Erfahrung (User Experience) bei.

Motivation

1. Motive: Motive lenken das menschliche Verhalten. Die zu ihnen passenden situativen Anreize sind die motivierenden Ziele der Menschen. Beachten Sie, dass die Motivation intrinsisch oder extrinsisch sein kann.

  • Der User erfährt Belohnung für erreichte Zwischenziele.

2. Situative Anreize: Die Anlässe, aus denen eine Software eingesetzt wird, definieren die Ausgangssituationen für ihre Nutzung. Von ihnen aus ist die Einstiegsusability der Software hin zu den Zielen der User zu optimieren.

  • Die Anlässe der Softwarenutzung sind priorisiert.

Sozial

1. Zwischenmenschlichkeit: Menschen verhalten sich anderen gegenüber verantwortungsvoll und erwarten das auch von ihren Interaktionspartnern. Anhand bestimmter Signale erkennen sie, ob es ihr Gegenüber gut mit ihnen meint und sie ihm ihr Vertrauen schenken können. Bei der Bewertung von Software achten User auf ähnliche Signale.

  • The content is up-to-date, authoritative and trustworthy [2].

2. Handeln: Im zielgerichtete Verhalten der User zeigt sich, wie gut Ihr System ist. Diese Qualität ist zu überprüfen. Usability-Checklisten helfen Experten bei der Begutachtung von Software. Doch sie ersetzen keine User-Tests.

  • 33% der User empfehlen das System weiter.

Ausgewählte Usability-Checklisten

Nachdem Sie nun wesentliche Erkenntnisse aus der Psychologie kennen, die Ihre Usability-Checkliste berücksichtigen sollte, möchte ich Sie noch für die Inhalte inspirieren. Im Folgenden finden Sie einen kleine Sammlung von Usability-Checklisten:

Psychologische Usability Heuristik:
http://uxmag.com/articles/psychological-usability-heuristics

Eine Sammlung von Web Usability Guidlines:
http://www.userfocus.co.uk/resources/guidelines.html [2]

Usability-Checklisten für Webseiten:
http://meiert.com/de/publications/articles/20060508/ [1]
http://www.drweb.de/magazin/die-ultimative-usability-checkliste/

Usability-Checkliste für Online-Bewerbungssysteme an deutschen Hochschulen. Außerdem wird aufgezeigt, wie die Checkliste zustande kam:
http://www.se.uni-hannover.de/pub/File/pdfpapers/Abrazhevich2009.pdf

Website Usability Checklist and Usability Guide:
http://www.expertusability.com/website-usability-checklist-and-usability-guide/

Usability Checkliste mit zehn Bereichen:
http://userium.com/

Marketing Usability-Checklisten:
http://www.ranking-check.de/blog/inbound-marketing-usability/

E-Commerce Usability-Checkliste:
http://www.ecommerce-werkstatt.de/magazin/wp-content/uploads/2013/11/checkliste-usability.pdf

Grafikdesign Usability-Checkliste:
http://www.interface-medien.de/blog/webdesign-checkliste/

Ein Gedanke zu “Die Mutter aller Usability-Checklisten

  1. Danke für die kleine Psychologiestunde.
    Ich finde das sind sehr wichtige Aspekte um eine Seite erfolgreich zu führen und sie auch permanent aufrecht zu erhalten.
    Natürlich kommen noch andere wichtige Aspekte hinzu, doch sollte man diese hier nicht all zu vernachlässigen.

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