Gamifizierung der agilen Entwicklung – Chancen und Risiken

Wissensmanagement mit MS SharepointAls Dozent an der TU-Berlin hat unser Geschäftsführer, Steffen Eßers, sein Wissen zur „Psychologie der agilen Entwicklung“ mit seinen Studenten geteilt. Hierbei sind Artikel entstanden, welche die Studenten in unserem Blog veröffentlichen.

Nachfolgend schreibt Kerstin Öchsner über die Chancen und Risiken einer gamifizierten, agilen Entwicklung.

Wie Gamifizierung der agilen Entwicklung zum Unternehmenserfolg führen kann und welche Risiken es dabei zu minimieren gilt.

Spielen im Alltag als Motivations- und Lernförderung

Seitdem das Spiel Pokémon Go auf dem Markt ist, ist Gamifizierung so präsent wie nie. Menschen suchen auf der Straße, in Parks, auf Brücken und in Gebäudekomplexen nach virtuellen Wesen. In die eigene Umwelt werden dabei scheinbar per Smartphone Spielelemente projiziert, mithilfe derer man Erfahrungspunkte sammeln und Level aufsteigen kann.

Mit Gamifizierung ist dabei per Definition die Anreicherung eines eigentlich nicht-spielerischen Kontextes mit Spielelementen (im Fall von Pokémon Go z.B. virtuelle Fantasiewesen und Spiel-Arenen) gemeint [1].

Gamifizierung tritt in vielen Bereichen auf, sei es im Alltag wie bei Pokémon Go, im Medizin- und Fitnessbereich (mit der Fitness-App Runtastic lassen sich pro gejoggtem Kilometer Punkte sammeln), im Erziehungssegment, in Museen und kulturellen Einrichtungen, im Transportwesen, usw [2]. Dem Einsatz in all diesen Bereichen gemeinsam ist das Bestreben, die eigene Zielgruppe zu motivieren, den Dienst oder das Angebot in einer vorgesehenen Weise zu nutzen.

Auch Unternehmen haben unlängst Gamifizierung für sich entdeckt, um entweder Kunden zu binden oder Mitarbeiter zu motivieren. Besonders die agile Entwicklung eignet sich durch ihre User Stories, die kurzen Entwicklungszyklen und die definierten Aufgabenpakete für eine Gamifizierung.

Durch eine geeignete Implementierung und kontrollierbare Kontextbedingungen kann das Konzept Gamifizierung auch für Ihr Unternehmen aufgehen – die Mitarbeiter werden nachhaltig motiviert, schneller und besser zu arbeiten [3]. Klingt gut? Dann lesen Sie im Folgenden, wie und wann sich Gamifizierung lohnt.

Gamifizierung als Erfolgsgarant?

Wie wir am Beispiel von Pokémon Go erkennen können, bewegt das virtuelle Spiel Menschen, ihre reale Umwelt zu betreten. Viele, die sich vorher lieber zuhause beschäftigt haben, trauen sich jetzt bei Wind und Wetter nach draußen und scheuen keinen Aufwand, um möglichst viele Erfahrungspunkte zu sammeln. Spielelemente können also ein bestimmtes Verhalten motivieren (nach draußen gehen, sich zu einem Ziel bewegen) und durch Belohnungen (Erfahrungspunkte) auch nachhaltig steuern. Warum sollte dieses Prinzip also nicht auch in der agilen Software-Entwicklung aufgehen?

Es gibt bereits einige Unternehmen, die das Konzept sinnvoll für sich aufgesetzt haben [4]. Aufgabenpakete werden zu sogenannten Quests, mit deren erfolgreichen Bearbeitung jeder Mitarbeiter Punkte sammeln kann. Diese Punkte führen zu Level-Aufstiegen, die wiederum in realen oder virtuellen Belohnungen münden. Um die Motivation hoch zu halten, gilt es auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen, die Belohnungen daran auszurichten und diese nicht immer antizipierbar zu machen, sodass kein Gewöhnungseffekt eintritt. Ein Beispiel für die Umsetzung von Gamifizierung in der agilen Entwicklung kann in [4] nachgelesen werden.

Risiken der Gamifizierung und wie man sie umgehen kann

Doch die Einführung von Gamifizierung birgt auch Risiken, die es je nach Kontext abzuwägen gilt. Diese Risiken sollen im folgenden Absatz näher betrachtet und diskutiert werden.

Softwareentwicklung aus dem Auge verlieren

Es ist bestimmt nicht das primäre Ziel von Pokémon Go, seine Spieler zum nach draußen gehen zu bewegen – dennoch kann man es als EIN Ziel sehen. Solche Ziele können allerdings aus dem Auge verloren werden, wenn die Spielelemente zu sehr im Vordergrund stehen. Auch in der Softwareentwicklung kann es passieren, dass die Entwickler sich zu sehr auf die Spielelemente konzentrieren und so die Qualität der Arbeit leidet. Im Fokus steht dann für die Mitarbeiter beispielsweise das Punkte sammeln und der Levelaufstieg und nicht das eigentliche Projekt.

Es gilt also dafür zu sorgen, dass jeder Mitarbeiter die eigentliche Softwareentwicklung im Fokus behält. Beispielsweise lässt sich das durch eine geeignete visuelle Darstellung des Projekts erreichen, in der der einzelne Mitarbeiter stets Feedback über seinen Beitrag zum Gesamtprojektziel einsehen kann. Auch durch eine entsprechende Qualitätsüberwachung und geeignete Kommunikation über den Scrum-Master kann die Softwareentwicklung im Mittelpunkt behalten werden.

Wettkampf vor Teamzusammenhalt

Zum Nachteil kann es auch werden, wenn zwischen den Teammitgliedern ein Konkurrenzdenken entsteht. Bei Pokémon Go ist das zwar eine legitime Basis für das Spielziel, der Zusammenhalt des Teams ist jedoch in der agilen Entwicklung eine Grundlage für erfolgreiche Projekte. Nicht umsonst gibt es vor allem in der agilen Softwareentwicklung Teambuilding-Guidelines und Studien, die dieses Thema untersuchen (siehe evtl. Artikel von Betti). Erst wenn alle am selben Strang ziehen, sich gegenseitig helfen und um die Kompetenzen des anderen wissen, kann ein Projekt in der agilen Entwicklung erfolgreich angegangen werden.

Die Gamifizierung mit ihren Spielelementen „Punkte sammeln“ und „Level aufsteigen“ kann jedoch zum Hindernis werden und schlimmstenfalls in einem Wettkampf zwischen den Beteiligten ausarten. Daher ist es empfehlenswert, sogenannte Team-Challenges zu integrieren, bei denen das Team als Ganzes Punkte erreichen kann. Es können auch Belohnungen vergeben werden, wenn ein Teammitglied einem anderen hilft. Das kann dazu führen, dass individuelle Ziele als weniger wichtig empfunden werden und der Teamzusammenhalt gefördert wird.

Demotivation und Druck durch Rangliste

Ein gern eingesetztes Spielelement ist die Rangliste – eine Übersicht über den aktuellen (Punkte-/Level-/Erfahrungs-) Status der Spieler. Mithilfe der Rangliste lässt sich das eigene Können einordnen und sie dient dabei als großer innerer Motivator, mehr Aufwand zu betreiben, mehr Punkte zu sammeln, um letztlich (Team)spieler im Ranking zu überholen.

Doch nicht alle Entwickler in der agilen Softwarebranche arbeiten gleich schnell und sind in ihrem Aufgabengebiet gleich kompetent. Schnell kann eine Rangliste in dem Wissen, nur im Mittelfeld oder am Ende mitzuspielen und viele Teammitglieder vor sich zu haben, zu einem hohen emotionalen Druck werden und sich demotivierend auswirken. An dieser Stelle ist es wichtig, eine motivierende Rangliste einzubinden. Als geeignetes Stilmittel eignet sich eine Visualisierung, in der der Betreffende nur denjenigen über sich sieht, der mehr Punkte gesammelt hat und denjenigen mit weniger Punkten unter sich. Gibt es mehrere Teams eignet sich auch eine Team-Rangliste, in der nur die Team-Namen, aber nicht die Namen der einzelnen Mitglieder zu sehen sind. Außerdem ist es auch hier wichtig, durch Kontrollmaßnahmen und Kommunikation die Mitarbeiter vor übermäßigem Ehrgeiz, der schnell in Überstunden und Wochenendarbeit ausartet, zu bewahren.

Die Gamifizierung Ihrer agilen Entwicklung bedarf Fingerspitzengefühl

Um die Gamifizierung der agilen Entwicklung in Ihrem Unternehmen einzuführen, bedarf es nicht nur viel Fingerspitzengefühl, sondern auch einer Menge Geduld. Denn agile Softwareentwicklung zu gamifizieren und das Konzept im Team aufzubauen,12 ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen abgeschlossen ist. Trotz der Wichtigkeit, dass die oberen Management-Etagen voll und ganz hinter dem Konzept der Gamifizierung stehen, ist die Grundlage für den Erfolg die Akzeptanz Ihres Teams. Ist diese nicht gegeben, ist der Erfolg zum Scheitern verurteilt. Auch deshalb ist es wichtig, Ihr Team von Anfang an in den Prozess mit einzubinden.

Steht das Team dann hinter dem Konzept, so steht einer Einführung nichts im Wege. Nach einer Umgehung der oben geschilderten Risiken ist die Chance für motivierte Mitarbeiter, die Spaß an ihrer Arbeit haben und das Projekt ohne Qualitätsverluste schneller zum Erfolg bringen, hoch. Um mit Gamifizierung auch nachhaltig Erfolg zu haben, ist es wichtig, die Mitarbeiter langfristig zu motivieren. Die eingesetzten Belohnungen sollten daher abwechslungsreich sein, den individuellen Bedürfnissen des Teams angepasst und nicht immer voraussehbar vergeben werden.

Quellen

[1] Welcome to the Gamification Wikipedia. (2016). Badgeville.com. Retrieved 15 August 2016, from https://badgeville.com/wiki/

[2] Mazari, I. (2012). Beispiele gelungener Gamification – Best Cases – Digitale Spielwiese Blog. Digitale Spielwiese Blog. Retrieved 15 August 2016, from http://www.adtractive.de/digitale-spielwiese/2012/10/14/beispiele-gelungener-gamification-best-cases/

[3] Rauch, J. (2013). Wirkungsweise und Implementierung von Gamification (Unpublished master’s thesis). Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

[4] Wie Sie Agile Softwareentwicklung mit Gamification noch effizienter machen – JAXenter. (2015). JAXenter. Retrieved 15 August 2016, from https://jaxenter.de/wie-sie-agile-softwareentwicklung-mit-gamification-noch-effizienter-machen-23879

3 Gedanken zu “Gamifizierung der agilen Entwicklung – Chancen und Risiken

  1. Hallo Kerstin,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Du hast das Thema auch durch deine Einleitung sehr anschaulich dargestellt, sodass es wirklich Spaß gemacht hat den Artikel zu lesen und er auch sehr verständlich war.

    Ich finde den Ansatz der Gamifizierung in der agilen Softwareentwicklung generell interessant, wie du aber schon verdeutlicht hast birgt das Thema auch einige Risiken. Zusätzlich zu den beschriebenen Risiken, kann ich mir außerdem vorstellen, dass es hinderlich ist, wenn der Mitarbeiter durch die Gamifizierung überwiegend extrinsisch belohnt wird (durch Punkte etc.). Eine extrinsische Motivation (hier durch Belohnung) kann dazu führen, dass die ursprüngliche intrinsische Motivation verringert wird, sobald die extrinsische Motivation wegfällt (vgl. Korrumpierungseffekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Korrumpierungseffekt).

    Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass eine Gamifizierung dazu führen kann, dass die Arbeit an sich nicht mehr ernst genommen wird. Die Spiele könnten abhängig vom Mitarbeiter als „lächerlich“ wahrgenommen werden. Außerdem ist der Aufwand so ein Spiel zu entwickeln wahrscheinlich zeit- und kostenaufwändiger als der letztendliche Nutzen, der daraus gezogen werden kann. Ich kann mir auch vorstellen, dass die entsprechenden Spiele anfangs Spaß machen, dann aber auch schnell langeweilig werden.

    Insgesamt halte ich Gamifizierung im Kontext der agilen Softwareentwicklung nicht sinnvoll. Es gibt zu viele Punkte, die dagegen sprechen. Bei der Einführung von agilen Software-Entwicklungsprozessen könnte überlegt werden ob spielerische Elemente eingebunden werden.

    Liebe Grüße,
    Anica

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  2. Hallo Kerstin,

    vielen Dank für den interessanten Blogeintrag! Besonders gut gefällt mir, dass du auf die Effekte der Teambidlung hingewiesen hast. Damit hast du auch gut die Problematik dargestellt, dass Teams eben als Teams betrachtet werden sollten und nicht einzelne Leistungen betont werden sollten. Aber eben genau für den Motivationsverlust einzelner Mitglieder in Teams, die ihre Leistungsreduktion gar nicht bemerken ist Gamifizierung ein guter Ansatz.
    Diese Gradwanderung hast du unter Anderem auch sehr gut verdeutlicht.
    Dank dafür! und Lg Betti

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  3. Hallo Kerstin,

    vielen Dank für den informativen Blog-Artikel. Besonders gefällt mir deine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Du hast Dir bei deiner Bearbeitung sehr gut die Vor- und Nachteile aus der Praxis gegenüber gestellt. „Gamification“ ist ja sehr zu einem Buzzword geworden. Ich finde es daher umso wichtiger sich mit der Wirkung von Gamification, wie in deinem Artikel, genau auseinander zu setzen und es nicht per se als richtig zu erachten.

    Ich selbst hadere etwas mit der Vorstellung von Gamification in meinem Alltag als Softwareentwickler. Aber vielleicht habe ich auch einfach eine zu stark „spielerische“ Assoziation mit dem Wort. Es muss ja nicht immer gleich ein konfigurierbarer Avatar sein, der bei bestimmten Übungen Pokale gewinnen kann, oder? Am Ende ist wahrscheinlich schon eine Sonne, bei erfolgreich durchlaufenen Tests eine Art Gamification. Ich glaube, ich persönlich würde es am Ende nicht sehr motivierend finden, mit meinen Kollegen auf einer Rangliste verglichen zu werden. Wir sind ja alle unterschiedlich und jeder hat seine individuellen Stärken, also wozu vergleichen bzw. messen? Mich würde jedoch durchaus mal interessieren, wie genau ein Gamification-Ansatz in einem Unternehmen umgesetzt wurde, weil so richtig vorstellen kann ich mir noch nicht, wie das gelebt wird.

    LG Steffi

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